Kein Umsturz der Verhaeltnisse

»Hier ist kein Umsturz der Verkehrsverhältnisse gewollt«

Als erste deutsche Kommune wird Berlin geschützte Fahrradwege bauen, auf denen sich Radfahrer tummeln können, ohne Autofahrer fürchten zu müssen. Könnte sich Hamburg dieses Modell denn nicht abschauen? Zeit für ein paar Fragen an die städtische Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue.

Elbvertiefung: Berlin trennt seine Radwege in Zukunft durch Poller vom Autoverkehr. Wieso macht Hamburg das nicht?

Kirsten Pfaue: In Hamburg gibt es bereits verschiedene Beispiele, wo durch bauliche Elemente Bereiche für Radfahrer vom Autoverkehr abgegrenzt sind. Schauen Sie zum Klosterstern oder an die Überseeallee. Dort sind die Radstreifen mit einer Kante deutlich von der Fahrbahn abgesetzt. Oder auch an der Willy-Brandt-Straße. Dort ist ein Radweg durch Bügel von der Fahrbahn abgetrennt. Berlin pollert nun einen Radstreifen an der Hasenheide ab … 

EV: … einen Streifen, der so breit ist, dass mehrere Radfahrer bequem nebeneinander fahren können. Markiert in leuchtendem Grün. Das klingt wie der Traum vieler Hamburger Radfahrer.

Pfaue: Natürlich blicken wir mit großem Interesse auf die Ergebnisse dieses Pilotversuchs. Danach werden wir genau schauen, ob und an welchen Hamburger Örtlichkeiten dieses Element eingesetzt werden könnte und sollte. Durch das Projekt in Berlin wird jedoch ein wichtiger Punkt angestoßen: nämlich die Diskussion um das subjektive Sicherheitsgefühl. Diese muss geführt werden.

EV: Gern. Stichwort Osterstraße: Wieso plant man die Neugestaltung einer Straße so, dass sich nun die Radfahrer wieder gegen den Auto- und vor allem den Busverkehr behaupten müssen – was viele so verunsichert, dass sie auf dem Fußweg fahren und wiederum die Fußgänger verunsichern?

Pfaue: Die Osterstraße ist eine beliebte Geschäftsstraße. Durch den Umbau haben nun alle mehr Bewegungsfreiheit bekommen. Immerhin sind die Planungen für den Deutschen Ingenieurpreis und den Deutschen Verkehrsplanungspreis nominiert worden, so ganz falsch kann das also nicht sein. Natürlich hätte ich es auch begrüßt, wenn die Radverkehrsanlagen noch breiter geworden wären, aber dafür gibt es schlicht keinen Platz. Genau das sind die Kompromisse, die zu treffen sind.

EV: Auch die neuen Velorouten werden wieder lediglich durch Markierungen von den Autos getrennt. Kopenhagen, das große Vorbild beim Radverkehr, ist da viel radikaler. Immer mehr Verkehrsplaner halten getrennte Spuren für alle Verkehrsteilnehmer für sinnvoll, auch aus Gründen der Sicherheit und vor allem dort, wo viele unterwegs sind.

Pfaue: Kopenhagen hat mit der Radverkehrsförderung in den siebziger Jahren begonnen. Hamburg hat sich gerade erst auf den Weg gemacht. Hier ist kein Umsturz der Verkehrsverhältnisse gewollt, sondern ein langsamer gesellschaftlicher Wandel. Bei den Hamburger Velorouten setzen wir – je nach Örtlichkeit – ganz verschiedene Formen ein: von der Fahrradstraße wie an der Alster über eigenständig geführte Radwege im Grünzug Borgfelde oder auch Radfahrstreifen auf der Bebelallee.

EV: Aber wie soll Hamburg Fahrradstadt werden, wenn sich Radfahrer den vorhandenen Platz immer noch meistens mit Autos oder Fußgängern teilen müssen?

Pfaue: Auch auf einer Fahrradstraße, die aus meiner Sicht die beste Führungsform für den Radverkehr ist – schauen Sie dazu gern einmal in die Niederlande –, teilen sich Radfahrer mit Autos den Platz.

EV: Eine Fahrradstraße schützt nicht vor Konflikten. Am Alsterufer, wo eigens ein alter Radweg abgerissen wurde, fühlten sich die Radfahrer auf der Fahrbahn – das beklagte auch der ADFC – zwischen zu vielen und zu aggressiven Autofahrern förmlich zum Spießrutenfahren gezwungen …

Pfaue: Eine Fahrradstraße hat viele Vorteile für Radfahrende. Sie können nebeneinander fahren, Schnellere können überholen, es ist ausreichend Platz für Lastenräder und Anhänger. Sie haben auf der Straße Vorrang, und die Geschwindigkeit für Autos ist reduziert. Dieses Modell funktioniert nicht nur gut in Amsterdam, sondern passt auch gut nach Hamburg – denken Sie an die Uferstraße oder den Leinpfad. Gerade wenn die Fahrradstraße in dem von Ihnen genannten Bereich Alsterufer noch verlängert wird, werden die Vorteile dort noch deutlich sichtbarer. Da bin ich mir sicher. Geben Sie Hamburg etwas Zeit.

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