»Die wichtigste Attraktion in jeder Stadt sind die Menschen«

Der dänische Architekt Jan Gehl gilt als der bekannteste Stadtplaner der Welt. Er sorgte maßgeblich dafür, dass sich Kopenhagen innerhalb von rund vier Jahrzehnten von einer auto- zu einer fahrrad- und fußgängerfreundlichen Stadt entwickelte. Gehl betreut Stadtentwicklungsprojekte auf der ganzen Welt. ZEIT-Redakteurin Hanna Grabbe sprach mit ihm für die Titelgeschichte der aktuellen ZEIT:Hamburg-Ausgabe über das Hamburger Überseequartier – und die Frage, was eine gelungene Innenstadt ausmacht. Seine Antwort ist überraschend einfach. Die Elbvertiefung veröffentlicht das Gespräch in Auszügen.

Elbvertiefung: Herr Gehl, Sie haben aus Kopenhagen eine der lebenswertesten Metropolen der Welt gemacht. Sie beraten so unterschiedliche Städte wie New York, Shanghai, São Paulo, Mannheim und auch Hamburg – mit welchen Wünschen kommen die Politiker zu Ihnen?

Jan Gehl: Die große Herausforderung ist überall, dass das Herz der Stadt weiter schlägt. Ich bin der festen Überzeugung, dass jede Stadt einen Ort braucht, an dem man zusammenkommt, an dem die großen Ereignisse stattfinden, an dem man den Weihnachtsbaum aufstellt. Wir brauchen das Stadtzentrum als einen Treffpunkt, auch in dieser digitalen Zeit.

EV: Mitten in Hamburg wird gerade ein großes Shoppingcenter gebaut, umgeben von Restaurants, Wohnungen und Hotels. Könnte es eine solche Funktion übernehmen?

Gehl: Da gibt es einen sehr, sehr wichtigen Unterschied: Ein Shoppingcenter ist privat, und die Innenstadt ist öffentlich. Es gibt Investoren, die clever sind und ein solches Zentrum perfekt managen. Manche heuern sogar Straßenmusiker an, um ein Gefühl von Straßenleben zu erzeugen. Trotzdem ist der einzige Zweck der Profit. In einer echten Innenstadt muss das Ziel sein, dass die Bürger sich wohlfühlen und es ihnen gut geht.

EV: Woran erkennt man eine lebenswerte Stadt oder Innenstadt?

Gehl: In Vietnam habe ich mich einmal mit einer Frau unterhalten, die kurz zuvor in Kopenhagen gewesen war und glaubte, dass wir in Dänemark einen riesigen Babyboom hätten. Natürlich haben wir den nicht. Aber mir wurde klar, dass diese Frau eine Stadt gesehen hatte, in der es möglich ist, Kinder auf die Straße zu schicken. Das löst ein Gefühl aus. Ähnliches gilt für ältere Menschen. Wenn man viele Alte sieht, die in der Stadt spazieren gehen oder auf Bänken sitzen und ihr Leben genießen, befindet man sich in einer lebenswerten Stadt.

EV: Was mögen Menschen an Städten?

Gehl: Andere Menschen. Die wichtigste Attraktion in jeder Stadt sind die Menschen. Stadtplanung muss es möglich machen, dass Menschen zusammenkommen.

EV: Welche Stadt beherzigt das?

Gehl: Wenn man außerhalb der Urlaubszeiten nach Venedig kommt oder abseits der Touristenströme unterwegs ist, kann man beobachten, wie eine Stadt aussieht, die für Menschen gemacht ist.

Die Fragen stellte Hanna Grabbe

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