Lieber Herr Jenett,

während am späten Montagabend der FC St. Pauli gerade damit fertig war, das Derby gegen den HSV zu gewinnen, begann auf den Straßen um das Millerntorstadion das zweite große Match des Abends. Nein, ich meine keine Fan-Krawalle, die gab es kaum – die Polizei hat mit einigem Aufwand (1463 Polizistinnen und Polizisten, davon 306 von auswärts!) und einer gut ausgeklügelten Strategie dafür gesorgt, dass sich HSV-Anhänger und St. Pauli-Fans nicht unnötig in die Quere kommen. Das Match, das ich meine, war viel größer, und die Spielregeln waren nicht so ganz durchschaubar – es spielten alle gegen alle: Fußgänger gegen Radfahrer gegen Autofahrer gegen ein paar ehrlich zu bedauernde Polizisten aus dem Einsatzabschnitt Verkehr, die damit beauftragt waren, aus dem geregelten Chaos kein Fiasko werden zu lassen. Zum Beispiel an der Ludwig-Erhard-Straße, die kurz nach Ende des Spiels halbseitig in Richtung Reeperbahn gesperrt wurde. Aus guten Gründen, aber leider nicht weiträumig, man bemerkte die Sperrung erst, als man schon mitten im Stau stand und sich mühsam, angeleitet von einem winkenden Polizisten von drei auf eine Spur zusammenfädeln und durch den Gegenverkehr den Rückzug antreten musste. Solche Szenen sind sehr lustig, wenn man sie, mit Stummfilmmusik unterlegt, im Zeitraffer im Fernsehen sieht. Wenn man mittendrin steht, eher nicht, ich weiß das, weil ich – Sie ahnen es längst – blöd genug war, mitten in diesen Stau hineinzufahren. Aber, ach, es gibt Schlimmeres.

Etwa auf der teils gesperrten Kreuzung unterhalb des Fernsehturms, auf der drei Polizisten vor allem versuchten, nicht überfahren zu werden, weil Autos, Räder, E-Scooter und Busse von allen Seiten kamen. Die Signale der Polizisten waren eindeutig, aber leider war die Ampel noch eingeschaltet, und die sendete ganz andere Signale, und so fuhr bald jeder einfach los, wenn er glaubte, in dem Moment fahren zu dürfen. Es habe keine Unfälle oder Verletzte gegeben, sagte am nächsten Tag ein Sprecher der Polizei; gegen 0.30 Uhr, zwei Stunden nach dem Abpfiff, wurden die letzten Sperrungen aufgehoben, alles ist gut gegangen. Was für ein Krimi. Als ich zu Hause ankam, dachte ich: Es wird wirklich Zeit für die Verkehrswende. Wobei der Verkehr an sich ja kein Problem ist – wenn nur all die Leute nicht wären.