Hamburger Klimaforscher:“Seit 30 Jahren ist fast nichts passiert

Hamburgs Treibhausgase lassen pro Jahr etwa eine Packeisfläche von der Größe Eimsbüttels schmelzen, sagt Dirk Notz. Dennoch will der Forscher keine Forderungen stellen.

Interview: Annabel Trautwein

12. November 2019, 22:18 UhrAktualisiert am 13. November 2019, 10:48 Uhr

Klimaforscher Dirk Notz glaubt nicht, dass es reicht, auf Elektroautos zu setzen. Der motorisierte Verkehr müsse insgesamt verringert werden. © Christian Charisius/​dpa

Der Klimawissenschaftler Dirk Notz forscht an der Uni Hamburg zu Meereis, am Donnerstag spricht er auf dem Zukunftsfestival "Könnt‘ ja gut werden” im Oberhafen. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Bürgerschaftsfraktion der Hamburger SPD. Im Interview erklärt Notz, wie sich ein fortschreitender Klimawandel auf Hamburg auswirken könnte, wo er den größten Handlungsbedarf in der Stadt sieht – und warum es wichtig ist, dass anders als bislang über Klimaschutz gesprochen wird.

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ZEIT ONLINE: Sie sprechen zum Thema “Hamburg klimaneutral 2050”. Ist es 2050 nicht schon zu spät?

Dirk Notz: Die Überschrift des Vortrags stammt nicht von mir, die war vorgegeben. Ich möchte auch als Wissenschaftler keine Ziele oder Forderungen formulieren. Meiner Meinung nach ist es nicht die Rolle der Wissenschaft, den Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Deshalb finde ich es schwierig zu sagen: Ab einem bestimmten Datum ist es zu spät. Ich kann nur unterschiedliche Szenarien schildern: Bei einer globalen Klimaneutralität bis 2035 könnten wir das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, noch schaffen. Wäre die Welt 2050 klimaneutral, würde es nur für das Zwei-Grad-Ziel reichen.

Professor Dirk Notz ist Klimawissenschaftler und Leiter der Forschungsgruppe “Meereis im Erdsystem” am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. © Arved Fuchs Expeditionen

ZEIT ONLINE: Wie sähe die Welt im einen und im anderen Fall aus?

Notz: Ein Beispiel aus meinem Forschungsfeld: Bei einer Welt mit 1,5 Grad Erwärmung gehen wir davon aus, dass das Packeis die Arktis ganzjährig bedecken würde. Bei zwei Grad Erwärmung dürfte das Nordpolarmeer im Sommer ein Meer sein wie jedes andere, ohne Eisschollen, ohne Robben. Die Eisbären müssten dann den Sommer an Land überstehen. Auch das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes ließe sich bei 1,5 Grad Erwärmung noch stoppen, bei zwei Grad aber nicht mehr – auch nicht, wenn es gelänge, CO2 wieder aus der Atmosphäre herauszuholen und das Klima wieder abzukühlen.

ZEIT ONLINE: Ist es für Sie als Wissenschaftler nicht frustrierend, wenn solche Szenarien sehenden Auges in Kauf genommen werden?

Notz: Wir Wissenschaftler sagen seit 30 Jahren das Gleiche und bisher ist fast nichts passiert. Da wird es immer weniger realistisch, Ziele für die 2030er oder 2040er Jahre zu erreichen. Wichtiger als die Festlegung, welches Ziel oder welches Datum wir schaffen müssen, finde ich die Frage: Wie kann die Gesellschaft in einer Demokratie dazu gebracht werden, sich schneller zu verändern? Da sehe ich persönlich noch keine Antwort.

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ZEIT ONLINE: Wie sähe Hamburg 2050 aus, wenn das Meereis weiter schmelzen würde wie bisher?

Notz: Zurzeit lassen die Treibhausgase, die Hamburg ausstößt, jedes Jahr in der Arktis eine Packeisfläche abschmelzen, die so groß ist wie der Bezirk Eimsbüttel. Ich vermute aber, dass Hamburg unter gleichbleibenden Voraussetzungen 2050 immer noch aussehen würde wie Hamburg. Der Klimawandel wird sich hier eher in Wetterextremen auswirken: Hitze, Dürre und starke Niederschläge etwa. Nach unseren Simulationen wäre – bei Erreichen des Zwei-Grad-Ziels – jeder zweite Sommer in Hamburg heißer als alles, was wir jemals erlebt haben. Auch für die Landwirtschaft würde es dann sehr viel schwieriger werden. Grundsätzlich sind aber solche regionalen Feinheiten noch sehr schwer zu berechnen.

ZEIT ONLINE: Zurzeit werden im ganzen Stadtgebiet die Deiche erhöht. Reicht das langfristig aus? Oder brauchen wir über kurz oder lang ein Elbesperrwerk?

Notz: Der Anstieg der Meeresspiegel ist ein extrem langsamer Prozess, der sich lange im Voraus ankündigt. In Hamburg spielen daneben aber noch weitere Faktoren eine Rolle. Es geht nicht nur um die Frage, wie viel Wasser im Ozean ist, sondern auch: Wie entwickeln sich Stürme? Wie viel Wasser wird in die Elbe gedrückt? Für diese lokalen Szenarien bin ich kein Experte, unsere Simulationen sind nicht so kleinteilig. Nach meiner Einschätzung werden die Schutzmaßnahmen im Hamburger Hafen aber bis 2050 ausreichen. Ich gehe jedenfalls nicht davon aus, dass die Stadt in 30 Jahren überflutet sein wird.

“Die größten Herausforderungen sehen wir eindeutig im Straßenverkehr”

ZEIT ONLINE: Ist die Stadt Hamburg ehrgeizig genug in ihrem Bestreben, CO2 und andere Treibhausgase zu reduzieren?

Notz: Als Wissenschaftler möchte ich das nicht bewerten. Ob etwas schnell genug geht oder nicht, ist eine gesellschaftliche Entscheidung. Aber persönlich glaube ich, dass das, was bisher geplant ist, nicht ausreichen wird, um eines Tages klimaneutral zu werden. Zum Beispiel sehe ich kein klares Umsteuern in Bezug auf den Individualverkehr.

ZEIT ONLINE: Wo sehen Sie in Hamburg den größten Handlungsbedarf, um Emissionen einzudämmen?

Notz: Die größten Herausforderungen sehen wir eindeutig im Straßenverkehr, nicht nur in Hamburg. Denn das ist der einzige Bereich, wo seit den 90er-Jahren netto kein CO2 eingespart wurde, während in allen anderen Bereichen die Kurven zumindest leicht nach unten zeigen. Zudem wird es da womöglich am schwierigsten, sinnvoll gegenzusteuern. Ein Ersatz für Benzin ist schwer zu finden, weil Benzin eine unglaubliche Energiedichte hat. Meiner Meinung nach reicht es auch nicht, alle Autos durch Elektroautos zu ersetzen. Wir müssen den motorisierten Verkehr insgesamt verringern.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt der Hafen für Hamburgs Emissionsbilanz?

Notz: Der Hafen stößt extrem viel Feinstaub aus. Aber bei den CO2-Emissionen fällt er meines Wissens nicht so sehr ins Gewicht. Zum Vergleich: Die weltweite Schifffahrt stößt in etwa so viel CO2 aus wie Deutschland insgesamt. Dass Schiffe nach einer neuen Verordnung von 2020 an kein Schweröl mehr verbrennen dürfen, verringert vor allem den Ausstoß von Ruß und Dreck. Aber die CO2-Emissionen werden kaum dadurch verändert, dass man das Schweröl durch einen anderen Treibstoff ersetzt.

ZEIT ONLINE: Wie könnte ein klimaneutrales Hamburg aussehen?

Notz: Wenn ich mit Jugendlichen spreche und sie frage, wie sie sich die Stadt in Zukunft vorstellen, dann kommen dabei Entwürfe heraus, die mir sehr lebenswert erscheinen. Da ist zum Beispiel von viel weniger Individualverkehr die Rede, stattdessen gibt es autofreie Quartiere, in denen mehr Radfahrer, Fußgänger und spielende Kinder unterwegs sind, und viel mehr Grün. Nach diesen Vorstellungen würde auch mehr Strom innerhalb Hamburgs produziert werden, mit Solarzellen auf den Dächern oder auch kleinen Windkraftanlagen. Ich glaube, dass viele Menschen sehr gerne in so einer Stadt wohnen würden.

ZEIT ONLINE: Allzu visionär erscheint das auf den ersten Blick nicht. Sind nicht viel größere Veränderungen nötig?

Notz: Ich finde es wichtig, in Bezug auf den Klimawandel auch diese positiven Vorstellungen zu entwickeln und weiterzuerzählen, die Geschichte also positiv vom Ende aus zu betrachten, statt nur von Anstrengungen und Verzicht zu sprechen. Wenn man es schaffen würde, diese Diskussion in der Gesellschaft zu führen, hätte man viel größere Chancen, irgendwann auch klimaneutral zu werden.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen auf einer Veranstaltung der SPD, deren Titel optimistisch, aber auch abwartend klingt: “Könnt‘ ja gut werden”. Können Sie sich mit dieser Haltung abfinden?

Notz: Ich persönlich wünsche mir absolut mehr Engagement. Was politisch im Moment passiert, ist nicht ausreichend, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Mir ist vor allem wichtig, dass offen kommuniziert wird, was passieren müsste, um Klimaneutralität zu schaffen. Da ist es Aufgabe der Politik, die Menschen mitzunehmen. Wenn ich mit Politikern rede, höre ich immer wieder: Wenn wir dies oder jenes machen, werden wir nicht wiedergewählt. Dabei habe ich das Gefühl, dass die Politik schon mehr aufs Tempo drücken könnte, ohne dass sie dabei zu viele Menschen zurücklässt. Mein Eindruck ist: Die Mehrheit der Gesellschaft hat schon verstanden, warum sich etwas verändern muss. Sie muss der Politik aber auch ein klares Go geben. Die Unsicherheit nimmt vor allem deshalb zu, weil wir nicht wissen, wie sich die Gesellschaft in Bezug auf CO2 entscheiden wird.

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CO2,

Treibhausgas,

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