»Eine autofreie Innenstadt wird eine einzelhandelsfreie Innenstadt sein« Anjes Tjarks ist Fraktionschef der Grünen und findet: die Hamburger Innenstadt sollte möglichst autofrei sein. Ludwig Görtz leitete gut fünf Jahrzehnte die Schuhhandelskette Görtz, die sein Urgroßvater gegründet hat, und entgegnet: Das wäre für die Geschäfte fatal, die besten Kunden kommen mit dem Auto. Unsere Redakteure Marc Widmann und Frank Drieschner trafen die beiden zum Streitgespräch. Der Text ist in voller Länge im aktuellen Hamburg-Teil der ZEIT erschienen. DIE ZEIT: Herr Tjarks, Sie planen eine weitgehend autofreie Kernstadt, überzeugen Sie doch mal Herrn Görtz von der Idee. Anjes Tjarks: In Hamburg liegt die Innenstadt sehr reizvoll, zwischen Alster und Elbe. Trotzdem ist die Aufenthaltsqualität gering und die Zahl der Passanten nimmt ab, was für den Einzelhandel schlecht ist. Darum haben wir uns überall in Deutschland, aber auch in Wien umgeguckt. Viele Städte schaffen mehr Platz, mehr Aufenthaltsqualität für Fußgänger, Radfahrer, den öffentlichen Nahverkehr, indem sie den Autoverkehr reduzieren. Das wollen wir auch in Hamburg umsetzen. Ludwig Görtz: Was Aufenthaltsqualität angeht, bin ich dabei. Was autofrei angeht, bin ich dagegen. Achtzig Prozent unserer Kunden kommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zwanzig Prozent kommen mit dem Auto und sind auf das Auto angewiesen, weil sie von weither kommen, aus der Metropolregion oder aus skandinavischen Ländern. Auf die sind wir angewiesen. Die sind kaufkräftig, die kommen nicht hierher, um ein paar Socken zu kaufen, die geben viel Geld aus. Und denen müssen wir das so weit wie möglich erleichtern. Tjarks: Wir sehen auch, dass es Menschen gibt, die mit dem Auto in die Innenstadt kommen wollen und auch zum Teil müssen. Wir wollen die Durchfahrt durch die traditionelle Kernstadt unterbinden, aber sehr wohl ermöglichen, dass alle Parkhäuser angefahren werden. Wir haben mit dem ADAC gesprochen. Der sagt, dass es an 365 Tagen im Jahr minus der vier Adventswochenenden in allen Parkhäusern freie Parkplätze gibt. Görtz: Wir haben eine ganze Reihe von Parkhäusern, und sie sind bei Weitem nicht ausgelastet. Aber eine autofreie Innenstadt wird eine einzelhandelsfreie Innenstadt sein. ZEIT: Etliche Untersuchungen belegen, dass die Umsätze des Einzelhandels eher steigen, wenn man die Autos draußen lässt. Görtz: Da denke ich an Lübeck. Die haben das versucht, das war ein ganz großer Reinfall. Tjarks: Aber es gibt ja nicht nur das Beispiel Lübeck. Man kann nach Leipzig oder Nürnberg fahren oder nach Wien. Man kann interessante Einkaufsstraßen haben, ohne dass da mobiler Individualverkehr durchfließt. Görtz: Wissen Sie, zu einer lebendigen, urbanen Stadt gehört Leben. Und das ist auch Verkehr. Die Taxis müssen sowieso fahren, die Zubringer und die Lieferanten. Gucken Sie sich mal die 5th Avenue in New York an, was da an Verkehr ist! Das ist Teil der Urbanität, und ich würde das vermissen. Die Fragen stellten Frank Drieschner und Marc Widma

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *