Ohne Knautschzone

Jahr für Jahr verunglücken in Hamburg mehr als 2000 Radfahrer, erst gestern wurde ein 46-jähriger Mann in Billstedt von einem Lastwagen überrollt und getötet. ZEIT:Hamburg-Redakteurin Annika Lasarzik hat sich für den aktuellen Hamburg-Teil der ZEIT mit einer Frage befasst, die einfach klingt, sich aber als sehr kompliziert erweist: Was lässt sich dagegen tun? Lesen Sie hier einen Auszug aus ihrem Beitrag. 

Eine junge Frau fährt mit dem Rad zur Arbeit. Sie nähert sich einer Kreuzung, die Ampel ist rot. Die Frau hält und wartet, so wie der Lkw neben ihr. Die Ampel springt auf Grün, beide fahren los, sie geradeaus, der Laster zieht nach rechts – und überrollt die Radfahrerin. Die 35-Jährige stirbt am Unfallort. So geschehen am Morgen des 7. April in Winterhude, nahe dem U-Bahnhof Lattenkamp. Knapp drei Monate zuvor, am 13. Januar, war ein 76-Jähriger auf ähnliche Weise verunglückt. Er wurde von einem abbiegenden Müllwagen überrollt. Nach jedem tödlichen Abbiegeunfall beginnt wieder dieselbe Diskussion. Zeitungsberichte werden mit einem anklagenden »Schon wieder!« überschrieben. Menschen kommen zu Mahnwachen zusammen, legen Blumen nieder, zünden Grablichter an. Demonstranten bemalen Schilder mit Parolen wie »Lkw raus!« und legen sich aus Protest stumm auf den Asphalt. Stets schwingt eine Frage mit: Wie gefährlich ist Radfahren in Hamburg?

Fahrradfahrer zählen seit vielen Jahren zu den am stärksten gefährdeten Verkehrsteilnehmern. Jedes Jahr verunglücken in Hamburg zwischen 2000 und 2500 von ihnen, ungefähr jeder zehnte schwer. Allerdings nimmt der Radverkehr stark zu. Da die Unfallzahlen fast stabil bleiben, mit Schwankungen je nach Wetterlage, kann man sagen: Das Risiko des einzelnen Radfahrers, in einen Unfall verwickelt zu werden, ist in den vergangenen Jahren eher gesunken.

Das gilt auch für Unfälle mit Lkw. Die Polizei erfasste in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt etwa 150 solcher Zusammenstöße jährlich. Da der Güterverkehr in dieser Zeit stark zunahm, gibt es Verkehrsexperten, die sagen: Vor diesem Hintergrund sind vier tödlich überrollte Radfahrer wie im vergangenen Jahr nicht sehr viele. Dem lässt sich entgegnen: Jeder Tote ist einer zu viel. Die Unfälle mit Lkw sind zwar selten, doch enden sie besonders oft tödlich. Jeder, der schon einmal mit seinem Rad neben einem Laster stand oder am Steuer sitzend beinahe einen Radfahrer übersah, weiß, wie haarig solche Situationen sein können. Das weckt oder bestärkt Ängste – und auch das ist ein Problem.

In einer repräsentativen Studie des Sinus-Instituts gaben zwar die meisten Befragten an, gern Rad zu fahren. Doch nur jeder zweite fühlt sich im Hamburger Verkehr sicher. Als Gründe, die gegen das Radfahren sprechen, werden die Gefährdung durch andere Verkehrsteilnehmer und schlecht ausgebaute Radwege genannt. Auch das Klima auf der Straße ist nicht gerade einladend: 83 Prozent der Befragten schreckt der Umgang der Verkehrsteilnehmer miteinander ab. Ernüchternde Ergebnisse für eine Metropole, die »Fahrradstadt« sein möchte.

Was kann Hamburg tun, um Radfahrer vor Unfällen zu bewahren? Es liegt nahe, beim Verhalten der Verkehrsteilnehmer anzusetzen, mit strengen Kontrollen, klaren Vorschriften und wo nötig harten Strafen. Nur für ein Drittel der Radunfälle in der Stadt sind die Radfahrer selbst verantwortlich. Die Hälfte verursachen Autofahrer. Typische Fehler hinter dem Steuer sind ein fehlender Schulterblick beim Abbiegen, zu enges Überholen und zu hohe Geschwindigkeit.

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